Bruder

Du bist gegangen. Vor langer Zeit schon, doch ich wollte es nicht wahrhaben, denn ich konnte Dich noch sehen. Deine Silhouette zeichnete sich ab vor der untergehenden Sonne, ganz deutlich. Auch erkannte ich Dich wieder, in Deinen Gesten, in Deiner Mimik und in Teilen Deiner Sprache. Doch was ich wirklich sah, war nur ein Bild von Dir, welches ich im Herzen trug, seit unserer Kindheit.

Nun sehe ich klar, die Person vor mir bist nicht Du. Es ist eine Hülle, die aussieht wie Du, doch Deine Augen bleiben kalt, wenn sie mich ansehen und Dein Blick erkennt mich nicht. In Deinem Herzen steckt seit langer Zeit ein Splitter aus Eis, der mit der Zeit Dein ganzes Wesen erkalten ließ.

Du warst seltsam,verschlossen, schweigsam und unbeholfen. Konntest mit den Menschen um Dich herum nicht viel anfangen, fandest schwer Kontakt zu ihnen. Du warst da und doch hat man Dich kaum bemerkt. Du hattest wenige Freunde und mit Deiner eigenen Familie hast Du Dich schwer getan.

Wer warst Du? Ein Spielkamerad meiner Kindheit, ein Gefährte meiner Jugend, ein Begleiter meines Lebens, ein Bruder. Ich habe gelacht mit Dir. Ich habe geteilt mit Dir.

Oft sah ich Dich lange Zeit nicht und trotzdem warst Du nie wirklich fort. Du kamst und gingst und immer stand meine Tür offen, warst Du willkommen. Ich habe dich geliebt.

Dann kamen die Jahre in denen Du Dich entferntest, innerlich wie äußerlich. Manchmal rief ich Deinen Namen und Du blicktest Dich suchend um, zügeltest Deinen Schritt und wir liefen ein Stück zusammen.

Dann kam der Tag, an dem Du mich vergessen hast. Ich sah Dich auf der Straße und winkte Dir zu, doch mein Bild in Deiner Erinnerung war bereits verblasst wie ein ausgewaschenes Stück Stoff. Ich habe Dich geschüttelt und Dir tief in die Augen gesehen, bis auf den Grund Deiner Seele, da hast Du mich wieder erkannt und ich wärmte Dich.

Jetzt hast Du neue Freunde. Raureif bedeckt Dein Haar und Deine Kleidung. Es ist kalt geworden.

Ich sehe Dich vor mir, ein schmächtiger Junge auf einer Holztreppe, in einem hellbraunen Anorak. Er sieht mich an, er wirkt seltsam verloren.

Es hat geschneit, Deine Schritte sind noch zu sehen, sie führen fort. Du hast nicht einmal inne gehalten. Eine schwache Spur im Schnee, an der der Wind bereits emsig arbeitet, um sie endlich zu verwehen, für immer.

Heute ist mein Bruder gestorben. Ich weine.

Copyright: Angela Uecker