Engel

Ich bin gefallen. Tief herabgestürzt vom Himmel und habe dabei meine Flügel verloren. Nun suche ich sie seit Jahrzehnten. Bis heute habe ich sie nicht wieder gefunden.

Vielleicht waren sie ja gar nicht zum Fliegen gedacht und haben mir nur dabei geholfen, den Sturz zu überleben. Wie gerne hätte ich sie einmal ausprobiert, gesehen, ob sie funktionieren.

Ich bin ein gefallener Engel, doch ich weiß nicht warum. Auf meiner Suche nach meinen verlorenen Schwingen habe ich manchmal eine kleine, weiße, flaumige Feder gefunden; eine winzige Spur nur, um mir zu zeigen, dass sie noch da sind, irgendwo. Es ist möglich, dass ich sie nur nicht sehen kann, weil mein Blick getrübt ist, von den vielen Tränen, die ich seither vergossen habe.

Immer war ich unterwegs, habe in der Zukunft gelebt, an dem Tag an welchem ich sie endlich fände. In den Augenblicken, in denen ich mir vorstellte, wie ich mich mit ihnen in die Lüfte erheben würde, um endlich das zu tun, was die Bestimmung eines Engels ist. Mein ganzes Leben träumte ich nur von diesem einen Tag. So verging es.

Nun sitze ich hier am Fluss, zwischen den Blumen und schaue den Wellen zu. Auf ihnen reitet eine kleine weiße Feder und hält mich zum Narren. Im Wasser spiegelt sich etwas, das wie ein Flügel aussieht. Auf meinem Rücken, dort wo die Schulterblätter sich beinahe berühren, spüre ich ein seltsames Ziehen. Ein leises Flattern dringt an mein Ohr. Ich versuche zu fliegen, doch es gelingt mir nicht. Nichts bewegt sich. Die Enttäuschung lässt die Feder versinken und das Spiegelbild verblassen.

Wie soll ich jemals meiner Bestimmung folgen?

Doch ich habe sie endlich gesehen, sie sind da, niemals waren sie fort. Nur vergessen.

Die Gewissheit umhüllt mich wie ein zartes, seidenes Gewand. Ich weiß jetzt, was zu tun ist. Ich werde warten, bis sie mich finden.

Copyright: Angela Uecker