Trost

Komm´ über mich, mit Deinen großen samtenen Schwingen. Bedecke mich wie ein wollener Umhang, den die Mutter voller Fürsorge um die Schultern ihrer Tochter legt, an einem kalten Winterabend.

Schütze mich vor den neugierigen Blicken des Pöbels, der sich an meinem Unglück weidet. Berge mich sicher in Deinen starken Armen.

Liebkose und streichle mich, mit zarten und liebevollen Händen. Umarme mich, wie ein Liebhaber seine Geliebte.

Liebe mich, wenn sonst keiner mehr mich liebt. Bleibe bei mir, wenn alle anderen bereits gegangen sind.

Sei mir treuer Gefährte und Freund. Stille meinen Kummer an Deiner Brust, wie der Hunger eines Säuglings am Busen der Amme gestillt wird.

Umfange mich mit einem seidenen Mantel, der meine Tränen verhüllt und meinen Blick verschleiert, der den hoffnungslosen Anblick meiner zerstörten Heimat nicht länger ertragen kann.

Flüstere mir tröstende Worte ins Ohr, die das Tosen und Donnern des Krieges überdecken, das ich noch immer hören kann, obwohl dieser bereits vorbei gezogen ist und woanders verweilt.

Führe mich an Deiner Hand an die Gestade des Flusses und lasse mich daraus trinken, da ich den Weg dorthin alleine nicht finden kann. Denn alles Bekannte ist zerstört und ich würde mich unweigerlich verirren.

Dort werde ich mich auch reinigen. Wasche Staub, Blut und Tränen aus meinem Gesicht und meinen Kleidern. Sieh mich an. Mein Blick ist klar und mein Gewand sauber. Der Wind der Hoffnung weht durch meine Haare. Das gelbe Band des Lebens habe ich mir um den Leib geschlungen. Es ist aus zarter Seide, gewoben auf dem Webstuhl des Verzeihens und mit den Händen des Vergessens.

Ja, breite Deine schimmernden Flügel aus Du großer, schöner Vogel und nimm mich mit. Ich bin bereit. Dein Name ist Phönix.

Copyright: Angela Uecker